Predigt am 2. Advent, 6.12.2015

Predigt am 2. Advent, 6 . Dezember 2015
um 10 Uhr
in der Ev. Stadtkirche Pforzheim
Predigt: Dekanin Christiane Quincke

Geduldige Ungeduld – und das Gute wachsen lassen – Predigt zu Jakobus 5, 7 + 8 und zum Weltaidstag

(Aidshilfe: Präsentation zur Diskriminierung von Aidskranken und dem schweren Zugang zu Medikamenten für die Armen)
Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – 

so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.

I.
Echte Geduldsprobe.
Wer Aids hat, muss geduldig sein.
Muss die Diagnose abwarten,
muss warten, bis die richtigen Therapien ausgewählt wurden.
Muss abwarten, ob die Medikamente wirken.
Bis die Medikamente entwickelt wurden, war das Warten tödlich,
auch bei uns.
Man wartete auf die Symptome, die den Tod bedeuteten.
Und wartete schließlich auf den Tod.

Aber das passiert auch heute noch.
Wer auf Aids-Medikamente warten muss, muss oft zu lange warten.
In Afrika müssen viel zu viele Menschen warten.
Besonders die Armen.
Und die Kinder.
Sie haben gar keine andere Wahl.
Wer könnte diesen Menschen Geduld predigen?

II.
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Geduld mussten die Forscher aufbringen,
bis sie die ersten wirksamen Medikamente gegen Aids hatten.
Geduld brauchen sie immer noch, wenn es um Impfstoff geht.
Try and error – immer wieder.
Versuchen, ausprobieren, Fehlschlag. Wieder versuchen.
Und irgendwann ist er da,
der Stoff, der dafür sorgt, dass keiner mehr dem Virus erliegt.
Ja, da braucht man Geduld.
Eine Geduld, die weiß, dass Zeit notwendig ist.
Dass das Heilsame nicht von heute auf morgen geschieht.
Und schon gar nicht auf Knopfdruck,
auch wenn wir es uns wünschen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Es ist die Geduld des Bauern,
der weiß, dass Regen und Sonne nötig sind,
damit aus Samen und Keimen etwas Nahrhaftes wird.
Heute wird viel beschleunigt
mit Maschinen und Dünger und zur Not künstlicher Bewässerung.
Aber die Pflanzen müssen trotzdem von alleine wachsen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

III.
Bist du geduldig?
Ich nicht.
Im Wartezimmer beim Zahnarzt greife ich zum Smartphone
und checke die Emails.
Oder ich surf eine Runde auf Facebook.
Oder ich schnappe mir eine der Zeitschriften,
die ich sonst nie lesen würde.

Frau Meier ist da anders.
Ruhig und gefasst sitzt Frau Meier da auf dem Plastikstuhl.
Sie wartet schon ein Weile. Eine halbe Stunde vielleicht.
Aber sie wartet einfach nur.
Manchmal schaut sie auf das kleine Mädchen,
das spielt am Tisch mit den blauen und roten Autos.
Zeitschriften liegen aus.
Aber Frau Meier interessiert sich nicht für sie.
Sie sitzt da. Und lächelt leicht. Und wartet.
„Frau Meier, bitte in das Zimmer 3“
ruft die Sprechstundenhilfe.
Die alte Dame steht auf,
verabschiedet sich freundlich und geht.
Endlich ist sie dran.
Und ich schaue ihr bewundernd nach.

Ich kann das nicht.
Ich muss mich ablenken.
Stehe sogar mal auf.
Warten im Wartezimmer –
überhaupt nicht meins.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig, wenn die Bahn sich verspätet.
Und noch schlimmer, wenn ich einen Anschluss deswegen verpasse.

Voller Ungeduld saß ich vor ein paar Jahren im Zug ,als meine Mutter starb
und ich nicht wusste, ob sie noch leben würde,
wenn ich endlich ankommen würde.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
wenn die Klimakonferenz nicht zu wirklichen Ergebnissen führt.
Wenn taktiert wird und ausgesessen, bis irgendjemand nach gibt.
Und die Armen haben das Nachsehen.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
weil die UNO nicht in die Puschen kommt
und Syrien den Großmächten und Terroristen überlässt.

Ich bin ungeduldig
wie Friedrich Spee.
Der fand im 30jährigen Krieg große Worte der Ungeduld:
Oh Heiland reiß die Himmel auf!
Wo bleibst du?
Komm endlich zu uns.

Aber Jakobus sagt:
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

IV.
Nein, ich bin ungeduldig.
Und ich werde noch ungeduldiger,
wenn ich die Flüchtlinge am Lageso in Berlin sehe,
wie sie Tag für Tag auf die Registrierung warten müssen.

Aber ich bewundere ihre Geduld.
Dass sie Tag für Tag wieder kommen,
sich in den Regen stellen,
bis sie endlich dran sind.

Ich bewundere die Geduld von Lewin,
unserem jesidischen Gemeindehausbewohner im Büchenbronner Kirchenasyl.
Er ringt um deutsche Worte, wenn man ihn befragt,
aber er gibt geduldig Antwort.
Auch wenn es immer dieselben Fragen sind.
Er bleibt im Haus, darf nicht raus.
Muss warten.
Und weiß nicht, ob sein Warten Erfolg hat.

Ich bewundere die Geduld von Frau Meier,
und die Geduld der Bauern.
Ich bewundere die Geduld der Menschen, die sich für die Aids-Hilfe engagieren.
Und die Geduld der Pflegenden.
Geduldig tun sie die Dinge, die getan werden müssen.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

V.
Ja, wir brauchen Geduld.
Gerade wenn es eng wird und hektisch.
Dann brauchen wir Innehalten und Weitsicht.
Weite brauchen wir,
wenn wir mittendrin im Schlamassel sitzen.

Der Forscher braucht eine ruhige Hand,
wenn er  nach dem Impfstoff gegen HIV sucht.
Und muss nachdenken können.
Er braucht Zeit.
Tun, was getan werden muss.
Bis der Durchbruch kommt.

Politiker und Politikerinnen brauchen eine ruhige Hand,
wenn sie nach der richtigen Lösung gegen IS und Assad suchen.
Sie müssen nachdenken können.
Sie brauchen Zeit.
Vielleicht bis der Durchbruch kommt.
Aber diese Zeit fehlte ihnen.

Seit Freitag ist klar:
Deutschland wird sich am Krieg in Syrien beteiligen.
Den Abgeordneten blieb kaum Zeit.
Es musste schnell gehen, so hieß es.
Musste es?

Obwohl wir es seit Afghanistan besser wissen müssten:
Terror kann nicht mit Krieg besiegt werden.?
Obwohl die Kirchen seit 1948 sagen:
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein?
Vielleicht geht es hier nicht anders….
Vielleicht muss dieser Krieg trotzdem sein…
Ich glaube es nicht.
Aber vor allem sehe ich:
Hier wurde nicht lange genug gewartet.
Es ist zu eng, um weit blicken zu können.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

VI.
Auch die Gemeinde, an die Jakobus schreibt, hatte ein Problem mit der Geduld.
Wo bleibt denn nun endlich das Reich Gottes?
Wann kommt endlich der Messias?

Und wir reihen uns ein in diese Fragen:
Wann wird endlich Frieden?
Wann werden endlich alle Menschen gesund?
Wann gibt es keine Aidstoten mehr?
Wann dürfen alle Menschen ihre Religion offen leben?
Wann werden Homosexuelle nicht mehr angefeindet.
Wann werden Frauen nicht mehr vergewaltigt?
Wann hören endlich diese Enthauptungen auf?
Und wann diese unsäglichen Demos gegen die Flüchtlinge?

Ja, das macht ungeduldig.
Und mürbe.
Es macht es schwer, immer noch an das Kommen Gottes zu glauben.
Es macht es schwer zu hoffen,
zu vertrauen, dass Gott es gut werden lässt.
Weil es zu eng ist.
Weil es zu lange dauert.
So verdammt lange….

VII.
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.

Geduld ist nicht Däumchendrehen,
auch kein Nichtstun.
Nein, Geduld ist viel mehr.
Der Bauer wartet zwar, aber er macht die Augen auf und die Ohren.
Er passt auf, was passiert und wann die ersten Triebe hervor kommen.
Er tut auch alles,
damit das, was da zart und grün an die Oberfläche kommt, wachsen kann.
Dass es heil bleibt und unversehrt.
Er nimmt weg, was die zarten Pflanzen kaputt machen könnte.
Er vertreibt die Vögel, die sich daran gütlich tun wollen.
Ja, das alles tut der Bauer, während er wartet.
Und noch viel mehr.

VIII. (für das Folgende danke an Michael Greßler)

Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Tritt heraus aus der Enge.
Und schau genau hin.
Entdecke die kleinen Pflanzen, die sich aus der Erde hervorwagen.
Und dann siehst du da und dort
schon ein Stück neue Welt anfangen.

Es ist immer nur ein kleines Stück.
Manchmal nur ein Schimmer.
Ein Funken Hoffnung.
Ein Fitzelchen von Weite.
Aber du siehst es. Es ist schon da.

Da hat Gott etwas gut werden lassen.
Da ist ein neues Medikament gegen Aids entdeckt worden
und es ist billig genug für die Armen.

Da findet eine kluge Ärztin für dich, die du krank bist, den richtigen Weg.
Und du hast wieder Kraft und kannst durchhalten.

Da entdecken ängstliche Nachbarn,
dass die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft gerne lachen,
und sie gehen hin und bringen ihnen die deutsche Sprache bei.

Da bauen in Ruanda Menschen ihr Land auf,
Menschen, die sich einst massakriert haben.

Da öffnen sich für Lewin Türen in ein Gemeindehaus,
damit er sicher wohnen kann.

Und morgen kommen hier in der Stadtkirche 400 Jugendliche zusammen.
6 Religionen, 34 Nationen.
Alle zusammen werden sie singen „We are the world“
und sie werden einander die Hände reichen und sagen:
nur zusammen können wir die Welt gestalten.

IX.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Es sind kleine Sachen.
Kleine Spuren aus der neuen Welt.
Aber jede kleine gute Sache ist ein Stück davon.
Und das stärkt die Herzen.
Und macht weit.

Und du selber bist mitten drin.
Vielleicht gibt es Momente, wo du das spürst.
Wo du warten und schauen kannst.
Im richtigen Moment da sein.
Und das Gute wachsen lassen.

Ja, du bist mitten drin
und trittst heraus aus der Enge.
Du mit deiner geduldigen Ungeduld.
Genau du.
Und ich.
Denn Gott kommt.
Und sein Tag ist nicht mehr fern.
Amen.

Lied: Die Nacht ist vorgedrungen