Kantatengottesdienst mit Abendmahl an Karfreitag , 30. 3. 2018 um 10 Uhr in der Stadtkirche

Predigt: Hans Gölz-Eisinger
Musik
: Oratorienchor, Jugendkantorei, Bachorchester
Leitung: Heike Hastedt
Orgel: Kord Michaelis

Karfreitag – Liedblatt

Predigt über Hebr. 9,15.26b-28

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

I.

Hoffnung?

Hoffnung ist keine mehr da – am Freitagabend kurz vor Sonnenuntergang, kurz bevor der Shabbat beginnt.

Nichts ist mehr da in Petrus. Seine Seele fühlt nichts mehr nach diesem Alptraum, der vor nicht einmal 20 Stunden begann. Ein übler Freitag geht zu Ende. Und jeder in Jerusalem weiß, dass nach dem Sonnenuntergang die Ruhe des Shabbat eintreten wird. Jede Arbeit hat zu ruhen.

Petrus wird unruhig. Er hatte jedes Gefühl verloren, aber jetzt schaut er nach Golgatha hinüber, zum Hinrichtungsplatz. Er sieht die drei Kreuze, sieht die Sonne untergehen. Ein kurzer Moment der Erleichterung, als er Bewegung am mittleren Kreuz sieht. Gerade noch rechtzeitig wird der getötete Jesus vom Kreuz abgenommen und eilig ins Grab Josefs von Arimathäa gelegt. Gerade reicht es noch, das Grab mit einem großen Stein zu verschließen. Dann ist die Sonne weg und der Shabbat beginnt.

Petrus ist stumm. Voller Verzweiflung. Einzig ein innerer Drang, Jerusalem nicht zu verlassen, ist geblieben. Nicht einmal ein Gefühl der Angst, auch kein Bewusstsein für die Gefahr, in der er sich selbst befindet. Es ist im Moment nichts, woran er sich halten könnte.

II.

Rund drei Generationen später könnten wir einen Mann am Tisch sitzen sehen. Er liest. Wie Petrus gilt seine ganze Aufmerksamkeit Jesus von Nazareth. Wie Petrus schaut er konzentriert auf den Tag der Kreuzigung. Er betrachtet das Leiden, die Schande, den Tod.

Und denkt: Warum?

Und denkt: Wozu?

Er will eine seriöse Antwort.

Schriftrollen hat er eingesehen, ist vertraut mit der jüdischen Geschichte und Tradition. Er kennt die Thora, die fünf Bücher Mose. Die Thora, das Herzstück der Heiligen Schriften, soll helfen. Durch sie will er einen Anhaltspunkt zur Deutung finden. Die Geschichte mit Gott begann nicht mit einer Kreuzigung. Die Geschichte mit Gott ist älter. Über 1000 Jahre schon geht Gott mit seinem Volk. Das sieht er in den Schriften.

So sucht der Mann nach Hinweisen, warum Jesus so lebte wie er lebte; und starb wie er starb. Er sucht nach einem Sinn in diesem Lebensweg. Er forscht nach einem Anhaltspunkt, um das Leben deuten zu können. Er weiß: Gott hat immer einen Plan mit den Menschen. Er gibt nicht auf. Er versucht es immer wieder neu.

So sucht der Mann, dessen Aufzeichnungen man kurz den „Hebräer“ nennen wird. Er liest genau. Und er wird fündig. Er entdeckt für sich eine klare Antwort – und teilt sie über seine Schriften anderen mit.

III.

Petrus hat keine Antwort. Er sucht Halt. Er weiß nicht, woran er sich noch halten kannt. Gestern Abend hatten sie noch Pessach gefeiert. Dann dieser besondere Moment nach dem Mahl: Jesus nimmt ein wenig Brot und den Kelch mit dem Wein. Das erst Abendmahl. Und alle ahnen, dass hier ein besonderer Moment geschieht. Da schien alles wieder gut. Selbst Judas, der unter dem Verdacht des Verrats steht, gehört im Abendmahl dazu. Jesus bleibt allen treu. Gibt alles, erwartet viel.

Beim Gebet im Garten Gethsemane waren sie dann doch alle eingeschlafen, müde vom Festmahl. Petrus sieht noch das Bild, wie enttäuscht, ja verzagt Jesus war, als er sie weckte und bat, mit ihm zu wachen.

Kurze Zeit darauf nur noch Alptraum. Alles geriet aus den Fugen: Die Römer verhaften seinen Meister – und Judas mittendrin. Der Verräter. Am Morgen dann die Gerichtsverhandlungen. Jesus wehrt sich nicht. Petrus erinnert sich mit Schaudern an die aufgepeitschte Menge: Gestern noch hatten sie ihm zugejubelt, heute der Hass der Entäuschung, heute die Wut angeblich verletzten Gerechtigkeitsempfindens. [Volkszorn nennt man das später; und lernt, dass das meist inszeniert ist….]

Er hat auch die Szene nicht vergessen, in der Pilatus sich aalglatt aus der Verantwortung zieht und Jesus den Henkern überlässt.

Petrus weiß nichts mehr. Nichts. Es gibt keinen
Plan B. Jesus ist tot. Das ist alles, was er sieht.

IV.

Der Hebräer sitzt da und hat eine Idee. In der Tora findet er im 1. Buch Mose ein Gegenbild zu Jesu Tod. Da war doch was.

Am Anfang stand das Paradies. Der Mensch lebte dort ohne Sünde. Ohne Angst. Ohne Ehrgeiz, der in Konkurrenz denkt.

Gott sorgte für alles. Er hatte alles gut eingerichtet. Es war alles gut.

Und dann begann die Geschichte, dass der Mensch sein wollte wie Gott. Er wollte selbst gut und böse bestimmen. Und es kam Neid und Streit. Ganz am Anfang schon. Kain und Abel. Da begann die Geschichte der Gewalt.

Aber Gott blieb gerecht. Mehr noch:
Er hielt auch seinem Volk die Treue. Und alles Ungerechte durfte im Gebet und im Opfer gesühnt werden. Die eigene Schuld durfte auf einen Sündenbock übertragen werden und der erlitt dann den Tod, den die Menschen eigentlich verdient hatten.

Denn Gott musste gerecht bleiben. Und damit auch strafen, was unrecht war. Ohne Sühne – ohne Vergebung, die einen Preis zu zahlen hat – geht es nicht.

Der Hebräer ist hellwach. Er sieht: Funktioniert hat das ja nie. Immer wieder gab es Streit und Hass, Krieg und Tod. Trotz aller Heiligtümer und Gebete: Es gab keinen Weg der Gerechtigkeit im heiligen Volk.

Der Hebräer ist hellwach: Wenn durch einen Menschen, durch Adam, die Sünde in die Welt kam, dann könnte doch durch einen Menschen die Sünde ein für alle Mal gesühnt sein. Keine Opfer mehr. Auch keine Ungerechtigkeit. Nur einziges großes Opfer für die Sünde der Menschheit.

Das kann kein Mensch leisten. Das sieht der Hebräer sofort. Das kann nur Gott selbst tun. Und er tat es. Gott entschied sich für den harten Weg: er kommt selbst in Jesus Christus. Jahre hat er damit die Möglichkeit, Menschen zu überzeugen, den Weg der Gerechtigkeit und Liebe zu gehen. Er sammelt Jünger und macht sich erkennbar.

Manche haben das erkannt. Die Jüngerinnen und Jünger zum Beispiel. Manche haben es geahnt: Die, denen Jesus auf wunder-bare Weise half. Und etliche empfanden ihn als Bedrohung. Letztlich kommt der tödliche Widerstand von den Eliten: Den Reichen, den Intellektuellen, den Römern.

So bleibt nur, die Strafe ein für alle mal auf sich zu nehmen. Gott stirbt. Und für 2 Tage erleben die Jünger das Grauen der Gottverlassenheit: Ohne Perspektive über ihre Vernunft hinaus; ohne Sicherheit, dass das gebeugte und geschundene Volk wieder ins Recht gesetzt wird; ohne Trost.

Der Hebräer hat noch andere Schriften daliegen und liest von der Auferstehung. Das ergibt Sinn! Ja, so kann das aus Gottes Sicht geplant sein: Durch den Menschen kam die Sünde und der Tod. Durch Gott kommt das Leben – für immer. Für alle.

Und er schreibt es sofort auf: Und darum ist Christus auch der Mittler des neuen Bundes,
damit durch seinen Tod,
der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund,
die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen….

Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

Der Hebräer ist vielleicht fasziniert, was er da ent-deckt hat in den vielen Worten. Eine einfache, große Klammer der Geschichte. Und Gott selbst schreibt sie…

V.

Petrus ist auch auf merkwürdige Weise wach, trotz aller Erschöpfung. Er kann Jerusalem nicht verlassen. Sie werden ihn erkennen und er muss sich verstecken. Aber das weiß er noch nicht. Er weiß und fühlt nichts, kurz nach Sonnenuntergang.

Aber nach drei Tagen wird es ihm gehen wie dem Hebräer. Wie ein Sturm kommt die Erkenntnis und die Erinnerungen an Jesus geben einen großen Sinn.

Dann wird Petrus die Worte Jesu anders verstehen. Dann wird Petrus sich erinnern an die Abschiedsworte Jesu: Euer Herz erschrecke nicht. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich werde nun gehen und die himmlische Stätte bereiten. Und: Ich werde wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Und wo ich bin, den Weg wisst ihr.

Erinnerungen werden wie ein Sturm sein Denken fluten und der Heilige Geist wird ihn lehren, wieder zu vertrauen.

Petrus wird dann wissen, dass auch die größte Jesusgläubigkeit einen nicht vor abgrundtiefem Zweifel schützt. Er wird nie vergessen, dass er trotz allen Glaubens voller Verzweiflung war.

Aber er wird auch wissen, wo er Antwort findet.

Amen.

Lied EG 97 „Holz auf Jesu Schulter“