Kantatengottesdienst mit Abendmahl am Sonntag Sexagesime , 4. 2. 2018 um 10 Uhr in der Stadtkirche

Predigt: Hans Gölz-Eisinger
Musik: Motettenchor, Projektkantorei, Bachorchester Pforzheim
Sopran: Angelika Lenter
Leitung: Kord Michaelis
Orgel: Heike Hastedt

Sexagesimae 2. Kor. 12,1-10 Liedblatt

Predigt über 2. Kor. 12,1-10

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

heute werden wir vom Apostel Paulus mitgenommen in die wichtigste Erfahrung seines Lebens. Er berichtete (sc. der Gemeinde in Korinth) zuerst, wieviel er durchgemacht und gelitten habe auf seinem Missionsweg. Dann kam er zu seiner Hoffnung, ja zum Grund seines Glaubens. Und das beschrieb er so:

1 Ihr drängt ja mich dazu, dass ich auch von meinem Glück und meinem Erfolg rede. Zwar hat niemand einen Nutzen davon;
trotzdem will ich jetzt von den
Visionen und Offenbarungen sprechen, die vom Herrn selbst kommen.

2 Ich kenne einen mit Christus verbundenen Menschen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob er körperlich dort war oder nur im Geist; das weiß nur Gott.

3-4 Jedenfalls weiß ich, dass diese Person ins Paradies versetzt wurde, ob körperlich oder nur im Geist, das weiß nur Gott. Dort (sc. im Paradies) hörte sie geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann.

5 Im Blick auf diese (sc. geistliche) Person will ich prahlen.
Im Blick auf
mich selbst hier prahle ich nur mit meiner Schwäche.
6 Wollte ich aber für mich selbst damit prahlen,
so wäre das kein Anzeichen, dass ich den Verstand verloren hätte;
ich würde ja die reine Wahrheit sagen.
Trotzdem
verzichte ich darauf; denn jeder soll mich nach dem beurteilen, was er an mir sieht und mich reden hört, und nicht höher von mir denken.

7 Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut.

Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, hat Gott mir einen »Stachel ins Fleisch« gegeben: Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schlagen, damit ich nicht überheblich werde. 8 Dreimal habe ich zum Herrn gebetet, dass der Satansengel von mir ablässt.

9 Aber der Herr hat zu mir gesagt: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.«
Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja, ich bin stolz darauf, weil dann
Christus seine Kraft an mir erweisen kann.

10 Darum freue ich mich über meine Schwächen, über Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. (Übersetzung nach der Guten Nachricht)

Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut.“, schrieb Paulus.

Ich wurde in den dritten Himmel versetzt und hörte im Paradies geheimnisvolle Worte, die ich in menschlicher Sprache nicht ausdrücken kann.“, fügte er hinzu.

Wovon redete er da? Meine Güte, was war denn da passiert?

Etwas Umwerfendes war passiert: Paulus hatte Gott erkannt. Das war ein – im wahrsten Sinne des Wortes – umwerfendes Erlebnis gewesen. Es lohnt sich immer, das einmal nachzulesen: Paulus hieß zu der Zeit noch Saulus und war einer der erbittersten Gegner der jungen christlichen Gemeinde. In der Apostelgeschichte (ab Kap. 9) kann man das gut nachlesen. Heute würden wir sagen: Saulus war ein waschechter Fundamentalist. Er kannte die Tora, das Gesetz Gottes ganz genau. Und er meinte, die Wahrheit zu besitzen.

Da blendete ihn auf einer Reise nach Damaskus ein helles Licht aus dem Himmel und Saulus hörte die Stimme Christi. Er fiel vom Pferd, war drei Tage lang blind und wurde ausgerechnet durch einen Christen geheilt.

Von da an nannte sich mit einem anderen Namen. Denn sein Leben hatte sich von Grund auf geändert. Er wurde vom Saulus zum Paulus. Lieblos und rechthaberisch war er gewesen; herzlos und unbarmherzig.

In der Erinnerung beschrieb Paulus seine Vision als einen Weg, einen Weg direkt ins Paradies: „Ich wurde in den dritten Himmel versetzt und hörte im Paradies geheimnisvolle Worte, die ich in menschlicher Sprache nicht ausdrücken kann.“ Die menschliche Sprache reichte zur Beschreibung nicht aus. Aber eines konnte jeder Leser begreifen: Das muss ein unglaublicher Ort sein! In einem anderen Buch voller Visionen – im sogenannten slawischen Henoch, der auch im 1. Jahrhundert entstand, lesen wir ähnliches: „Die Männer (sc. Engel) ergriffen mich von dort, und sie führten mich hinauf in den dritten Himmel. Und sie stellten mich in die Mitte des Paradieses. Und ich schaute hinab, und ich sah den Ort des Paradieses. Und dieser Ort ist von unbeschreiblicher Schönheit.

Alles ändert sich, wenn man im Glauben den Lichtblick der Ewigkeit einmal kurz kosten darf. Alles ändert sich, wenn einem im Leben immer wieder kleine oder auch dramatisch empfundene Momente passieren, die den Hauch überirdischen Glücks auf unsere Seele wehen lassen: Da entdeckt der Herzlose sein Herz; da schmiltzt das harte Eis der Rechthaberei und wie Schneeglöckchen arbeiten sich Glaube, Hoffnung und Liebe durch die Kälte ins Licht. Der Fundamentalist Saulus ist zum Menschen Paulus geworden. Der Hasser und Zerstörer ist zum Aufbauer geworden.

All dies geschieht mit uns, mit ganz normalen Menschen:

mit begabten Hand-werkern (Paulus war Zeltmacher, Petrus war Fischer);

mit bescheidenen, klugen Denkern (Lukas war Arzt, Johannes eine Mischung aus Schriftsteller, Philosoph und Visionär)

All dies geschieht mit uns, mit ganz normalen Menschen:

Mit Menschen, die ihre Grenzen haben. Alle haben sie eines gemeinsam: Sie haben Respekt vor Gott und Respekt voreinander. Sie trauen dem Leben das Beste zu und halten das Bitterste immerhin dadurch aus, dass sie nicht bereit sind, die Hoffnung aufzugeben. Sie wollen ihren Blick auf Gott nicht eintrüben lassen durch aufkommende Zweifel. Sie wollen das ganze Leben im Blick haben: Gerade auch die unzerstörbare Hoffnung, dass Gott einen nicht alleine lässt.

Darum muss man kämpfen. Dazu braucht es Geduld. Und Mut. Und vor allem Vertrauen.

Das ist nicht leicht. Aber für Paulus, der mit seiner Gesundheit ebenso zu kämpfen hatte wie mit seinen Gegnern, ist der Blick ins Paradies stärker als alles. Nichts lässt ihn mehr zweifeln. In allem sieht er Gottes Plan.

Die Geschichte der Menschheit ist durchzogen von Geschichten, Gedichten, Gebeten und Märchen, die die Suche nach dem Sinn des Lebens beschreiben. Großmütter erzählen sie ihren Enkeln; Weise erzählen sie denen, die Rat suchen und Priester geben sie an die Gläubigen weiter. So will ich am Schluss auch mit einer kurzen Geschichte zusammenfassen, was Paulus gemeint haben könnte:

Durch eine Oase auf der arabischen Halbinsel ging ein finsterer Mann, Ben Sadok genannt. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rande der Oase stand ein junger Palmenbaum in bestem Wachstum. Der stach dem finsteren Mann in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter.

Die junge Palme schüttelte und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens: Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die sternerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, das sie die verborgene Wasserader der Oase errechten und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreicht. Wasser aus der Tiefe und Sonne aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum.

Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem Krüppelbaum hämisch zu erfreuen, den er verdorben hatte. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme der ganzen Oase ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Ben Sadok, ich muss dir danken; deine Last hat mich stark gemacht.“ (aaO 106)

Wer oberflächlich lebt, der wächst wohl auch. Aber er gründet nicht tief. Dann offenbaren die Stürme des Lebens, wie wenig Halt so ein flachwurzelndes Leben hat. Zu wenig Tiefgang, zu wenig wirklichen Halt und der Lebensbaum fällt oder vertrocknet. Wer aber sucht und findet, der ent-deckt die Worte Christi: Ich bin das Brot des Lebens. Ich zeige dir Quellwasser, das in das ewige Leben quillt . Ich bin das Licht der Welt. (Joh. 8,12 / Joh. 4,14 c)

All dies hatte Paulus entdeckt und erlebt. Und er teilt es.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahrte sein Herz und seine Sinne in Christus Jesus.

Und unsere auch.

Amen