Gottesdienst am Sonntag Invokavit, 18. Februar 2018 um 10 Uhr in der Stadtkirche

Predigt: Andreas Waidler, Vikar
Orgel: LKMD Kord Michaelis

Predigt über 2. Kor.  6, 1-10

Liebe Gemeinde,

das Wort für diesen Sonntag Invokavit ist Teil des zweiten Briefes, den Paulus an die Gemeinde in Korinth und an „alle Christen in Achaia“ abfasst. Im zweiten Kapitel schreibt der Apostel:

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.

2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten,
5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen,
im Wachen, im Fasten,
6 in Lauterkeit, in Erkenntnis,
in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist,
in ungefärbter Liebe,
7 in dem Wort der Wahrheit,
in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
8 in Ehre und Schande;
in bösen Gerüchten und guten Gerüchten,
als Verführer und doch wahrhaftig;
9 als die Unbekannten und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe, wir leben;
als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben und doch alles haben.

Es ist eine Ermahnung: „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß“ – das fordert der Apostel. Wir sind Diener Gottes. In allem Tun. Egal, was geschieht. Paulus malt uns deutlich vor Augen: Auch in Nöten und Ängsten, auch in Schlägen und im Gefängnis sollen wir uns als Diener Gottes erweisen. Ebenso aber auch: In Lauterkeit und Erkenntnis, Langmut und Freundlichkeit, in ungefärbter Liebe – in all diesen Dingen erweisen wir uns als Diener Gottes. Wie aber kann das gehen?

Am kommenden Freitag jährt sich ein Datum zum 73. Mal, das sich tief in die Seele der Pforzheimer eingeschnitten hat: Am Abend des 23. Februar 1945 wurde unsere Stadt bei einem Luftangriff der alliierten Streitkräfte fast vollständig zerstört. In weniger als einer halben Stunde verloren 80.000 Menschen ihr Zuhause, nahezu 18.000 Menschen ihr Leben.

Ich selbst bin kein Pforzheimer und habe den Gedenktag 2012 als Student zum ersten Mal miterlebt.

Es ist die Grausamkeit des Krieges, die sich ein Kind meiner Generation nicht mehr vorzustellen vermag – Gott sei Dank, wie ich sage.

Es ist die Grausamkeit des Krieges, die einige von Ihnen oder zumindest aber Ihre Eltern noch hautnah miterleben mussten.

Wir alle haben die Erfahrung der Geschichte im Gepäck – das eint uns. Und mit diesem Gepäck auf dem Rücken leben wir nun in einer instabilen, chaotischen Welt, in der die lautesten Schreihälse den Ton angeben, Menschenverachtung an der Tagesordnung ist und Kriege und Terror leider noch immer nicht der Vergangenheit angehören.

Da klingen Paulus‘ Forderungen nach Langmut, nach Freundlichkeit und Liebe nicht gerade nach der adäquaten Reaktion.

Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß“

Nein! Der Mensch will aufschreien, angesichts der weltweiten himmelschreienden Ungerechtigkeit. Protestieren gegen eine Ökonomie der Reichen und die Ausbeutung der Armen. Widerstand leisten gegen Unterdrückung und Terror. Wir wollen keinen neuen Krieg – keinen Wirtschaftskrieg, keinen Religionskrieg, keinen Krieg um Ressourcen und schon gar keinen Krieg um Lebensraum!

Auch deshalb versammeln wir uns am Freitag, an diesem historischen 23. Februar.

Ich blicke in die Gesichter meiner Schülerinnen und Schüler. Sie sprechen aus, was viele junge Menschen denken: „73 Jahre – was gibt es da noch zu gedenken? Das hat doch mit uns nichts mehr zu tun“.

Ich aber widerspreche lautstark: „Doch! Doch, gerade mit euch hat das besonders viel zu tun.“ Nicht etwa, weil wir Schuld hätten am Krieg. Nicht etwa, weil wir die Vergangenheit ändern könnten. Auch nicht, weil wir nachträglich der einen oder der anderen Seite die Schuld in die Schuhe schieben wollen.

Nein, sondern weil es auch eure, meine, weil es auch unsere Geschichte ist! Geschichte ist nicht nur Vergangenheit – sie ist auch Zukunft. Unsere Taten von heute entscheiden über unsere Zukunft von morgen.

Und wir wollen etwas bewegen. Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen. Oder etwa nicht?

Das ist anstrengend! Ich blicke in fragende Gesichter und möchte am liebsten resignieren. Aufgeben. Mich zurückziehen. Die Welt sich selbst überlassen. Was können wir schon tun?

Dietrich Bonhoeffer verfasst inmitten der Kriegsjahre 1943 einige Zeilen, die gerade in diesen Tagen, in der Woche des 23. Februar, hochaktuell sind. Er schreibt mitten im Krieg von „Optimismus“1:

Es ist klüger, pessimistisch zu sein; vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. So ist Optimismus bei den Klugen verpönt. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muss. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt.“

Im Gedenken liegt Hoffnung: Gemeinsam, generationenübergreifend stehen wir auf. Der 23. Februar 1945 war nicht das Ende. Die Realität des Krieges, der Zerstörung und des Todes wurde langsam, ganz langsam auch zur Realität eines Neuanfangs, des Wiederaufbaus und des Zusammenhaltes. Hoffnung keimte auf. Und in ihrem Gepäck hatte die Hoffnung den Optimismus – den Willen zur Zukunft.

Gemeinsam setzen wir in der kommenden Woche ein Zeichen für diese Hoffnung. Im lauten und im stillen Erinnern. Im lauten und im stillen Protest? Dürfen wir das? Wäre es nicht besser sich still zurückzulehnen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen? Die Welt sich selbst zu überlassen?

Paulus fordert doch: „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß“ Aber: daraus folgert der Apostel gerade kein Nichtstun, sondern ein Tun. In allem erweisen wir uns als Diener Gottes. Das ist die Forderung – auch an uns!

Und Bonhoeffer folgert:

(Der Optimismus) ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter.“

Keine Resignation. Keine Weltflucht. Verantwortung übernehmen! Bonhoeffer. Mitten im Krieg – 1943.

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes“ – in Bedrängnissen, Ängsten, im Gefängnis. In Langmut, Freundlichkeit, ungefärbter Liebe. Paulus. Wenige Jahre vor seinem gewaltsamen Tod – 55 n. Christus.

Und in mir keimt Hoffnung auf. Paulus ruft mir zu: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Jetzt, das heißt nicht nur heute – jetzt, das heißt auch morgen, auch nächste Woche, auch im kommenden Jahr. Jetzt ist der Tag des Heils. Und in mir keimt Hoffnung auf. Ich rufe meiner Generation zu: Jetzt ist die willkommene Zeit. Zeit für Optimismus. Zeit aufzustehen. Zeit ein Zeichen zu setzen. Gegen jede Ungerechtigkeit Widerstand leisten. An einem Morgen bauen. Für eine bessere Zukunft kämpfen.

Ich rufe der Generation meiner Eltern und Großeltern zu: Ihr seid unsere Vorbilder! Hört nicht auf damit!“

Gemeinsam stehen wir auf! Am 23. Februar. An jedem anderen Tag. „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes“. Als Kirche, als Gemeinde, als Christinnen und Christen ist es unsere Aufgabe, den Tag des Heils zu verkünden. Frieden zu proklamieren. Die Gesellschaft zu transformieren. Nächstenliebe zu praktizieren.

Lassen Sie mich mit Bonhoeffer schließen: „Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Amen.