Bild und Bibel – Zur Passionszeit

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt. 25,40)

Am Anfang war es hoch umstritten: Das Kreuz in der Kapelle des Hohenwart Forums. Denn dieser Jesus am Kreuz entspricht nicht den gewohnten Darstellungen. Er ist ein schöner Mensch mit muskulösen Gliedern, glatter Haut, gewelltem langem Haar und einem leichten Lächeln auf dem Lippen. Doch das ist nur auf den ersten Blick so: Dunkle Risse sind im Tonkern unter der Haut zu sehen. Die unnatürliche Haltung zeigt viel Schmerz und Leid. Die eine Hand presst den Kelch, so dass er überfließt. Die Schale in der anderen hält über dem Kopf einen Laib Brot und einen Augapfel. Die Beine steigen über einen Soldatenstiefel und eine Kanonenkugel.

Im Hintergrund sehen die Betrachtenden eine umgekehrte Sklavenhose. Sie erinnert an Matthäus 25,40: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Die Hose steht für Erniedrigung und Verrat, von uns Menschen begangen an den geringsten Geschwistern Jesu. Ungewohnt ist auch die Kreuzesform. Dort, wo sich die beiden Balken treffen müssten, bildet sich ein offenes Dreieck. Jesus hat seinen Kopf zur Seite geneigt, so dass die Betrachtenden gezwungen sind, durch das Kreuz hindurchzusehen in einen Raum, der über alles Menschengemachte hinausweist.

Das leere Dreieck in der Kreuzesmitte ist in der christlichen Tradition oft gefüllt vom Auge Gottes im Strahlenkranz als Zeichen der Allgegenwart des dreieinigen Gottes. Das Auge, das man in diesem Dreieck erwarten würde, liegt aber verletzlich und verletzt in der Hand Jesu. Es erinnert in seiner Größe an das Auge eines Tieres. Das Leid der gesamten Kreatur, leidender Menschen und gequälter Tiere, nimmt Jeus hier mit ans Kreuz und zeigt in Blick und Bewegung, was nach dem Leiden und der Gewalt und dem Tod am Kreuz sein wird. Nicht der Skandal des Kreuzes, sondern eine Gotteskraft, die über das Kreuz hinaus gehelites Leben verspricht.

Nach Gabriele Hofmann, Hohenwart