3. Bericht von Lise Saur aus Costa Rica

Liebe Unterstützer, Familie, Freunde und Bekannte,

seit ich Deutschland verlassen habe, sind nun schon elf Monate vergangen, und ich realisiere im Moment noch nicht, dass dies bedeutet, dass meine Zeit hier in Costa Rica bald vorbei sein wird.

Meine Arbeit in der Fundación hat sich nicht wesentlich geändert. Ich habe noch die gleichen Aufgaben und diese übe ich immer noch mit größter Freude aus. „Meine Kinder“ sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mir momentan nicht vorstellen kann, sie in einem Monat zu verlassen. Ich kenne sie nun wirklich in allen möglichen Situationen: wenn sie sich vor Lachen übergeben, wenn sie vor Schmerzen weinen, wenn sie tanzend und mit breitem Grinsen in ihrem Rollstuhl sitzen, wenn sie laut schreien, sobald sie erfahren, dass wir aufs Trampolin gehen, wenn sie nicht ins Bett gelegt werden wollen und sich dann mit aller Kraft und allen Mitteln dagegen wehren…

Vor allem die Arbeit mit dem gehörlosen kleinen Jungen, den ich bereits in meinem letzten Bericht erwähnt habe, macht mir sehr viel Spaß, da auch ich unglaublich viel von ihm lerne.  Eine der Nonnen geht mehrmals pro Woche in die hauseigene „escuelita“ (Schule), um dort mehr über die Möglichkeiten und Methoden des „Kommunizierens“ zu erfahren, da der Junge ja weder artikuliert sprechen, noch hören kann. Er versteht jedoch klare Anweisungen und kann diese auch ausführen (wenn er Lust dazu hat…), doch deutlich sagen, was er möchte, kann er nicht. Zusammen mit der Nonne versuche ich also, ihm eine Bild-Kommunikation beizubringen. Dies geht zum Beispiel so, dass er denjenigen Gegenstand bekommt, den er mit einem Kärtchen „bestellt“. Er erlernt dies relativ schnell, und es ist sehr schön zu erleben, was für große Fortschritte er schon gemacht hat. Genauso versuchen wir ihm beizubringen, alleine aufs Klo zu gehen, da er momentan noch Windeln trägt.

Fortschritte jeglicher Art mit anzusehen – und sind sie auch noch so klein – ist eines der schönsten Dinge meiner Arbeit.

Seit einigen Wochen hat ein Teil der Kinder freitagmorgens Hundetherapie. Die Reaktionen auf die Hunde sind erstaunlich. Einige Kinder freuen sich so sehr, dass sie mit dem Streicheln gar nicht mehr aufhören wollen. Andere jedoch fangen vor Angst sofort an zu schreien und zu weinen, wenn einer der Hunde zu ihnen kommt. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Kind sich am Anfang der Therapiestunde noch gegen den Hund wehrt und am Ende sich doch traut, den Hund zu berühren. Solche Kleinigkeiten sind Momente, die mich unglaublich glücklich und stolz machen.

Für mich sind meine Aufgaben in der Fundación selbstverständlich. Ich zaubere den Kindern ein Lächeln ins Gesicht, weil es Menschen sind. Wenn ich arbeite, fällt mir keine Behinderung auf, da diese Kinder für mich wie alle anderen Kinder auf der Welt sind. Erst wenn Besuch kommt und die Kinder schön gemacht werden, damit kurze Zeit später eine Gruppe von zehn Menschen vorbeilaufen kann, um diese wie im Zoo anzuschauen, werden mir ihre Einschränkungen wieder bewusst.

Ich habe die Kinder ohne Vorgeschichte kennengelernt. Nach und nach habe ich jedoch nachgefragt, um mehr über sie zu erfahren. Dadurch bekam ich einen ganz anderen Blick auf sie. Die Kinder haben schwere Schicksale und können trotzdem so glücklich sein, was mich sehr beeindruckt und mir imponiert. Zu wissen, dass manche Kinder nur behindert sind, weil ihre Eltern sie misshandelt oder missbraucht haben, schockiert mich.

So viele schöne Erlebnisse ich auch habe, es gibt leider auch die unschönen und bedrückenden: In den letzten zwei Monaten sind vier Kinder meiner Station gestorben. Dies ist die traurige Seite meiner Arbeit.

Als ich letztes Jahr nach Costa Rica geflogen bin, hatte ich keine großen oder besonderen Erwartungen an meine Arbeitsstelle. Ich war natürlich sehr gespannt, wie wohl alles so abläuft und ob ich die Erwartungen das ganze Jahr hindurch erfüllen kann, da ich vor meiner Reise nur während eines kurzen Praktikums mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet habe.
In Costa Rica wollte ich jedenfalls zeigen, dass ich mir als deutsche Freiwillige nicht zu schade bin, Erbrochenes aufzuwischen oder eine volle Windel zu wechseln – aber das ist schon lange kein Thema mehr…

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen ein weiteres Mal von Herzen bedanken für die Unterstützung in meinem Freiwilligenjahr!

¡Hasta luego!

Ihre /Eure
Lise

mit Freundin und Arbeitskollegin auf dem Vulkan Irazú