Auch die Reformation bediente sich der „Medien“

 Heutzutage stehen uns, um Nachrichten und Botschaften zu senden, vielfältige Medien zur Verfügung. Das war im Mittelalter anders – meinen wir! Doch bereits Martin Luther wußte um die Macht der Bilder. Der Künstler Lucas Cranach der Ältere – ein enger Freund Luthers, war einer der ersten „Werbefachmänner“, die das Mittelalter hervorbrachte. Die Autorin Sonja Poppe macht dies in ihrem folgenden Artikel deutlich. Hier die gekürzte Fassung:

„Lucas Cranach der Ältere gab der Reformation ein Gesicht. Seine Bilder trugen maßgeblich dazu bei, die neuen theologischen Erkenntnisse populär zu machen. Die Theologin und freie Autorin Sonja Poppe porträtiert den Künstler, der mit den Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon eng befreundet war.

Ausgerechnet in einem Umfeld, in dem man Bildern besonders kritisch gegenüberstand, wurde das Bild – durch Lucas Cranach – ein wirkungsvolles Werbemittel. Als Luther 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte und Wittenberg zum Zentrum religiöser Umbrüche wurde, hatte er Cranach schon einige Jahre gekannt. Seit 1505 lebte der als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Wittenberg. Seine eingängigen, farbenfrohen Bilder überzeugten auf ganzer Linie, und sein wohlorganisierter Betrieb ermöglichte eine außergewöhnlich rasche Erledigung der Aufträge. So konnte sich der Maler bald eine Monopolstellung in der Gegend erarbeiten und auch Aufträge von außerhalb des Hofes annehmen. Immer auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern, betrieb er später nebenher noch eine Apotheke, einen Weinausschank und eine Druckerei.

Dass Wittenberg zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses wurde, dürfte Cranach aufmerksam verfolgt haben. Nicht nur, weil er mit Luther befreundet war, die beiden übernahmen später zum Beispiel gegenseitig die Patenschaft für eines ihrer Kinder, sondern auch, weil sich ihm plötzlich neue Möglichkeiten boten.

Schnell stand er der Sache Luthers mit seinem Betrieb zur Seite, lieferte Illustrationen zur Bibelübersetzung, reformatorische Flugblätter, Lutherporträts und protestantische Lehrbilder und ließ in seiner Druckerei Luthers Schriften drucken.

Zunächst in enger Abstimmung mit seinen Arbeitgebern am Hof schuf Cranach ein Lutherimage, das er im Laufe der Zeit immer wieder anpasste und das unsere Vorstellungen vom asketischen Mönch, vom gelehrten Theologieprofessor und selbstbewussten Junker Jörg bis hin zum gestandenen Reformator und Familienvater bis heute prägt.

Das erste offizielle Porträt war ein Kupferstich. Er zeigt Luther als Mönch. In alter Tradition vor eine Nische gesetzt, und mit der Bibel in der Hand wird er als Glaubensautorität dargestellt. Zwei Jahre später folgte ein Porträt als „Junker Jörg“. Unter diesem Namen lebte der Reformator ja inkognito auf der Wartburg. Als der radikale Flügel der Reformation in Wittenberg für Unruhen sorgte, reiste Luther kurz in die Stadt, um die Lage zu beruhigen. Cranach nutzte den Besuch und schuf einen Holzschnitt, der Luther mit energischem Blick in die Welt schauen lässt. Der Betrachter erkennt gleich: Dieser Mann hat sich nicht kleinkriegen lassen. Er setzt seine Prinzipien durch, sowohl gegen Rom als auch gegen Unruhestifter aus den eigenen Reihen.

Star zum Anfassen

Nachdem Luther geheiratet hatte, begann Cranach mit der Fertigung der bekannten Bilder, auf denen Luther und seine Frau Katharina zu sehen sind. Sie zeigen den Reformator als gesetzten Mann. Im Laufe der Zeit in Statur und Alter immer wieder angepasst, entwickelten sich diese Bilder zum häufig nachgefragten Bestseller und wurden zu hunderten in Serie gefertigt. Cranach stellt so einen Star zum Anfassen vor. Fast scheint es, als könne man den Reformator einfach so ansprechen, um irgendeine theologische Frage mit ihm zu diskutieren.

Durch ihre hohe Auflage machten Cranachs Lutherporträts den Reformator überall bekannt und warben für Sympathie ihm und der Reformation gegenüber. Und Antipathie gegenüber den altgläubigen Gegnern sollten die polemischen Holzschnitte schüren, die ebenfalls in Cranachs Werkstatt entstanden. Dabei ging man nicht zimperlich vor, sondern nutzte den Hunger der Menschen nach derben Späßen und Kuriositäten, um die eigenen Ansichten unters Volk zu bringen. Schwarzweißmalerische Gegenüberstellungen mit einprägsamen Bildern und wenig Text ließen die Botschaften auch für das einfache Volk verständlich werden.

Den Anfang machte das „Passional Christi und Antichrist“. Darin findet man auf gegenüberliegenden Seiten je einen Holzschnitt, der eine Episode aus dem Lebens- und Leidensweg Jesu mit dem Verhalten des als Antichrist charakterisierten Papstes kontrastiert. Auch wer nicht lesen konnte, erkannte sofort: Während Jesus sich als bescheiden und demütig auszeichnet, fällt der Papst durch Prunksucht und Hochmütigkeit auf.

Zwei Jahre später erschien eine weitere Kampfschrift, zu der Cranach die Illustrationen und Luther und Melanchthon die Texte lieferten. „Papstesel“ und „Mönchskalb“ zeigen zwei missgestaltete Figuren – ein eselsköpfiges Wesen vor der päpstlichen Wohnburg und ein Kalb, das einen Mönch zu karikieren scheint.

Die Wirkung dieser Werke lässt sich heute wohl recht treffend mit einem „Shitstorm“ im Internet vergleichen. Ist der Stein erst ins Rollen gebracht, haben immer mehr Leute eine Meinung zum jeweiligen Thema. Die Folgen können vernichtend sein. Und Bilder beschleunigen diesen Prozess auch heute noch.

Die meisten Leute konnten damals den Streit unter den Theologen zunächst nur aus der Distanz verfolgen. Selbst unter den Herrschenden wusste sich kaum jemand einer der beiden Seiten eindeutig zuzuordnen. Die Bildpolemik Cranachs und seiner Kollegen machte die strittigen Themen dagegen jedem zugänglich. Um einen sachlichen Austausch ging es dabei nicht. Die Bilder bedienten vielmehr Klischees und griffen verbreitete Ängste auf. So sahen sich auch die einfachen Leute geradezu gezwungen, Position zu beziehen. Denn plötzlich wurde die reformatorische Kritik am Ablasshandel, der Prunksucht des Papstes und am ausschweifenden Leben vieler Mönche auch auf der Straße diskutiert. (…)

Von Luther sind keine bemerkenswerten Kommentare zu Cranachs Porträts überliefert. War ihm das Image, das durch diese Bilder geprägt wurde, wichtiger als die möglichen Gefahren? Oder hatten die Bilder gar keine so große Bedeutung für ihn, weil er – wie Cranach schon unter das erste Porträt schrieb – um seiner eigenen Gedanken willen im Gedächtnis bleiben wollte und nicht durch seine äußere, vergängliche Erscheinung? Das lässt sich heute nicht mehr klären. Aber sicher ist: Mit seinen Porträts, Altarwerken und Lehrbildern hat Cranach der Reformation ein unverkennbares Gesicht gegeben.

„Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt […] fragen, und den selbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken,  dass man Deutsch mit ihnen redet“, erklärte Luther sein Vorgehen bei der Übersetzung der Bibel. Die Sprache, die er auf diese Weise fand, machte die Bibel erstmals zu einem allgemeinverständlichen Buch. Und Cranachs reformatorische Bilder folgten dem selben Ansatz. Seine Bildsprache griff auf, was die Menschen schon kannten und veranschaulichte so besonders eindrücklich die Aspekte der neuen Lehre.

Lucas Cranach und Martin Luther sind nicht in ihrer Maler- oder Studienstube sitzengeblieben, sondern haben die neuen Medien der damaligen Zeit genutzt, um ihre Ideen zu verbreiten. Sie haben den Menschen aufs Maul geschaut und an ihren Sehgewohnheiten angeknüpft, ohne sich anzubiedern. Denn sie hatten ja eine Botschaft, von der sie überzeugt waren.“

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, 1/2015 „Aufbruch in die Moderne“ S.36-38 Sonja Poppe, Kunst und Propaganda, Wie ein Künstler das Bild Martin Luthers und seiner Gegner prägte Literatur: Sonja Poppe: Bibel und Bild. Die Cranachschule als Malwerkstatt der Reformation. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 120 Seiten, Euro 18,80.