Predigt am 3. Advent, 13.12.2015

Gottesdienst am 3. Advent, 13.12.2015
um 10 Uhr in der Ev. Stadtkirche Pforzheim

Predigttext: 1. Kor. 4,1-5

Liebe Gemeinde,

heute ist uns aus der Heiligen Schrift eine kleine Passage des Apostels Paulus anvertraut. Der in sich immer wieder zerstrittenen Gemeinde in Korinth will Paulus eine neue Perspektive auf die Seele legen. Nicht, was wir selbst tun, hat besondere Bedeutung. Entscheidend ist, was Gott tut. Das ist nämlich weit mehr als alles Menschenmögliche. Das klingt dann so:

„Dafür halte uns jeder:
für Diener Christi und für Haushalter über Gottes Geheimnisse

Nun fordert man nicht mehr von Haushaltern,
als dass sie für treu befunden werden.

Mir aber macht es nichts aus,
dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht;
auch beurteile ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst,
aber durch diese Einschätzung bin ich nicht gerechtfertigt;
denn der Herr ist’s, der mich richtet.

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt; /
der wird auch ans Licht bringen , was im Finstern verborgen ist,
und wird die Gedanken der Herzen sichtbar machen.

Dann wird jedem von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde,

eine alte Legende erzählt davon, wie der Teufel den Herrn Jesus überreden wollte, er solle doch nicht am Kreuz sterben.
„Die Kirche braucht dich auf Erden! Wer soll predigen und heilen und die Gemeinde führen, wenn du nicht mehr da bist?“, fragte der Teufel.
„Ich habe schon etliche Männer ausgesucht“, antwortete Jesus.
„Aber Petrus und Johannes und diese paar Leute werden das alleine nie schaffen.“ entgegnete der Teufel.
„Nein,“, bestätigte Jesus, „aber sie werden andere finden, die ihnen helfen, und diese werden wiederum andere finden …“
„Aber wenn sie es nicht tun?“ fragte der Teufel. „Wenn ihnen die Lust vergeht und sie anfangen, untereinander zu streiten! Ist dein Plan, Menschen zu gebrauchen, nicht sehr riskant?
„Ja“, antwortete Jesus, „sehr riskant sogar! Die Kirche könnte sogar daran scheitern, aber einen anderen Plan habe ich nicht!“1

Liebe Gemeinde,

I Gott setzt auf die Menschen, auf uns:

Er redete mit und durch Propheten.
Er suchte das menschliche Wort.
Er sprach mit Abraham, Isaak und Jakob.
Er wählte ein Volk, das ihn erkennen wollte, zu seinem eigenen Volk aus.

Gott wurde Mensch in einem kleinen Kind.
Er teilte unser Schicksal: Arbeit und Sabbat  (Sonntag). Friede und Flucht. Versöhnung und Streit. Freude und Erschöpfung. Triumph und Zweifel. Er war Mensch geworden.

Und litt unter der abgründigen menschlichen Art:
Unter Gier und Selbstsucht, Egoismus und Hass. Das brachte ihm den irdischen Tod.

Und uns das ewige Leben.

Gott setzt auf die Menschen, auf uns. Und geht bis heute das Risiko ein.

Was bedeutet das? Was sollen wir tun?

II Paulus hilft uns weiter.

„Streitet nicht!“, mahnt er. „Hört auf zu beurteilen. Das führt nicht weiter. Überlegt, welche Rolle ihr habt im Plan Gottes. Und überprüft das, indem ihr euch von außen betrachtet. Was sollen die Leute sehen, wenn sie auf die christliche Gemeinde schauen?

„Dafür halte uns jeder:
für Diener Christi und für Haushalter über Gottes Geheimnisse.“

Zwei Rollen bietet Paulus an: Einen Diener und einen Hausverwalter.
Einen Diener mit einem vertrauenswürdigen Herrn;
und einen Hausverwalter über einen großen Schatz, über Gottes Geheimnisse.

Das ist nicht einfach so dahingesagt. Mit den beiden Rollen zeigt uns Paulus sehr exakt eine innere Haltung, die uns vor Irrtümern und allzu menschlichem bewahren soll:

Paulus nimmt uns mit auf einen spannenden Lebensweg. So wie ein Kind erwachsen wird und wächst, so bietet er Lebensrollen an.

Ein Kind ist erst ganz auf seine Eltern ausgerichtet. Es wird geboren und verlässt sich vollständig auf die Familie. Mit den Jahren wird es größer. Und wenn es gut erzogen wird, dann wird es „in Dienst“ gestellt. Die Eltern trauen ihm etwas zu, vertrauen ihm Aufgaben an, je nach Alter und Typ. Und wenn sie es für jedes Kind gut machen, dann wächst das Kind in seinem Dienst. Es traut sich etwas zu; erfährt Selbst-Vertrauen; hat Erfolge, wird gelobt und geschätzt. Und kennt doch seine Grenzen. Es folgen „Lehr- und Wanderjahre“ der Ausbildung. Und ein Mensch wird klug, in dem er anderen folgt und dient. In manchen Bereichen des Lebens bleibt man das auch schlicht: Diener oder Dienerin. Überlässt anderen den Überblick und hilft treu zu einem größeren Ganzen. Viele Aufgaben werden nur gemeinsam bewältigt, wenn jeder das Seine tut, jede zu ihrer Verantwortung steht.

Aber es geht auch weiter: Erwachsen werden wir. Übernehmen Verantwortung und Führung; treffen Entscheidungen. Wir lernen, zuzuhören; lernen, klar zu sprechen. Wir lernen, uns einen Überblick über eine Herausforderung zu verschaffen.
In der Schule bringen uns das die Lehrer bei. Und geben den Schülerinnen und Schülern Aufgaben, die sie fordern, aber nicht überfordern.
Im Leben legt uns der Alltag die Herausforderungen hin. Kleine und große. Da werden wir – um es mit Paulus zu sagen – zu Verwaltern. Wir werden verantwortlich für unsere Welt: Für die Gemeinden mit ihren Kirchen, Gemeindehäusern und Gläubigen; für die Stadt mit ihren Schönheiten und Narben, für die Schulen und Parks, die Einkaufsmöglichkeiten und den Verkehr, für die Gesundheit und die Bewahrung der Welt. Wir werden in Verantwortung gestellt für Europa und drüber hinaus, auch für Flüchtlinge. Und merken: Da gibt es Grenzen unserer Möglichkeiten. Wir schaffen nicht alles. Wenn wir aufs Ganze schauen, schaffen wir nicht alles.

Müssen wir auch nicht, sagt Paulus:

Nun fordert man nicht mehr von Haushaltern,
als dass sie für treu befunden werden.

„Treu sein“ sollen wir. Treu unserem Gott. Und ein guter Verwalter bleiben, eine gute Verwalterin der Geheimnisse Gottes. Die Herausforderungen unserer Zeit werden nicht durch das Machbare bestanden werden, sondern durch unsere Glaubenshaltung. Gilt das Gebot der Liebe noch? Erinnern wir uns an dieses Gebot, wenn wir uns bedroht fühlen – und sehen die Menschen, die uns mit auf den Weg gestellt werden? Oder greift doch die Angst zu. Und macht uns taub für die Botschaft der Liebe …

Um Kraft für diese manchmal übermenschlichen Aufgaben zu bekommen, weitet uns Paulus den Blick.

Es reicht, ein guter Diener, eine gute Verwalterin zu sein. Niemand muss die Verantwortung ganz in die Hand nehmen. Kein Mensch muss eine perfekte Lösung für eine ganze Generation bieten. Bei allem, was wir nicht planen und überblicken können ist Christus, genau da bleibt Gott im Leben. ER hat den Überblick. ER beurteilt, was unsere Tage wert sind.

III Paulus mahnt also: Verschleißt euch nicht mit gegenseitigen Vorwürfen. Seid vielmehr wohlgesinnte Menschen:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt; /
der wird auch ans Licht bringen , was im Finstern verborgen ist,
und wird die Gedanken der Herzen sichtbar machen.

Dann wird jedem von Gott sein Lob zuteil werden.

Sehen wir genau hin, was Paulus da schreibt!
Er redet vom Gericht, aber nicht von der Angst.
Er redet davon, dass unsere innere Haltung ans Licht kommt, nicht nur unsere Fassade.
Er redet von unseren Herzen.

Unsere Gedanken werden offenbar, schreibt Paulus. Eigentlich eine unangenehme Vorstellung. Aber bei Paulus ist das keine Drohung. Im Gegenteil: Wenn Gott in uns schaut, wenn offenbar wird, was unser Leben ist und war, dann geschieht etwas wunderbares: „Dann wird jedem von Gott sein Lob zuteil werden.

So wachsen Menschen weiter, so wachsen sie über sich hinaus: Durch Lob. Durch Vertrauen in den richtigen Herrn. Durch Vertrauen in den Schöpfer der Welt.

So wachsen Menschen. Und schaffen Großes.

„Wenn ihnen die Lust vergeht und sie anfangen, untereinander zu streiten!“, fragte der Teufel, „Ist dein Plan, Menschen zu gebrauchen, nicht sehr riskant?
„Ja“, antwortete Jesus, „sehr riskant sogar.
Die Kirche könnte sogar daran scheitern.
Aber einen anderen Plan habe ich nicht.“

Amen

1 aus: G. Hänisch, Anstöße, Berlin 1977, S. 87