4. Sonntag nach dem Epiphaniasfest. Predigt über Mt. 14,22-33 von Pfarrer H. Gölz-Eisinger

Predigt über Mt. 14,22-33
Gehalten von Pfr. Hans Gölz-Eisinger in der Sonnenhofgemeinde im Rahmen des Kanzeltauschs

Liebe Gemeinde, heute haben wir es mit einer dramatischen, bewegenden Geschichte zu tun! Wir bekommen Einblick in die Welt der Jünger, und zwar in den überaus spannenden Prozess, wie sie langsam begreifen, wer Jesus ist: nicht irgendein gebildeter, kluger Zimmermann, der wie ein Rabbi auftreten konnte. Sondern viel mehr.

Im Matthäusevangelium lesen wir im 14. Kapitel folgendes:

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.

Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und als ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.

Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Übersetzung: Martin Luther (2017)

Liebe Gemeinde,

Feierabend ist etwas Schönes. Der Tag ist rum. Es geht nach Hause. Erholung ist in Sicht, vielleicht etwas Gutes zu essen und zu trinken; nette Menschen, wenn man Glück hat; und meist noch Zeit, um etwas Schönes zu tun.

Feierabend ist etwas Schönes.

In dieser Laune stelle ich mir die Jünger vor: Den ganzen Tag hatten sie sich mit Jesus um Menschen gekümmert. Viele Menschen. Sehr viele. Wir lesen im 14. Kapitel des Matthäusevangeliums, wie anstrengend solche Tage waren: Direkt vor unserer Episode berichtet uns Matthäus von der Speisung der 5000. Die begann damit, dass Jesus mit dem Boot wegfuhr, um den Leuten zu entgehen und damit die noch Zeit hatten zum Heimlaufen. Aber sie gingen ihm hinterher, um den ganzen See herum, fanden ihn und baten ihn wieder um Hilfe. Da gab es keinen Feierabend. Da wurde bis zum Umfallen gearbeitet und dann sollten alle auch noch satt werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also: In unserer Geschichte war Feierabend in Sicht: Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er (selbst) auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.

Den Jüngern war das nicht fremd: Dass Jesus den Tag noch mit Gott betend besprach, wieder zur Ruhe kommen und erst später zu seinen Jüngern kommen würde. Sie waren sicher müde, kannten sich als Fischer aber aus mit Booten und mit dem tückischen Wetter des Sees und waren wohl froh über den Abend.

Und dann das! Ein Sturm aus vorher heiterem Abendhimmel macht ihren Erwartungen ein heftiges Ende! Es muss eine grauenvolle Fahrt gewesen sein, denn sie kommen stundenlang nicht voran. Viel werden sie in den Wellen, dem Wind, der Gischt, den Wolken nicht viel gesehen haben. Ab und zu ein Fetzen Himmel und Mondlicht – aber zu wenig, um sich sicher orientieren zu können. Sie kämpfen stundenlang! Dann kommt – spät! – die Wende: In der vierten Nachtwache aber kam er (sc. Jesus) zu ihnen, wobei er über den See hinging. Das war eigentlich die übelste Stunde, morgens zwischen 3 und 6 Uhr, wenn die Kräfte nachlassen und die Verzweiflung sich durch den Mut zwängt und die Angst kommt, die eigenen Kräfte würden nicht mehr lange reichen. DA kam Hilfe. Aber was für eine!?

Als aber die Jünger ihn sahen, wie er auf dem See ging, gerieten sie in Verwirrung und sagten: „Es ist ein Gespenst!“ Und vor Furcht schrien sie. Sogleich aber redete Jesus zu ihnen und sagte: „Fasst Mut! Ich bin es! Fürchtet euch nicht!“

Ob das wohl wahr ist? Oder doch ein „ganz falscher Film?“ Wieder ist es Petrus, der’s genau wissen will und dessen Mut Klarheit bringen wird: Petrus aber antwortete ihm und sagte: „Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir zu kommen über die Wasser hin!“ 29 Er (sc. Jesus) aber sagte: „Komm!“ Und Petrus stieg aus dem Boot herab und ging über die Wasser hin und kam zu Jesus. So geht es manchmal im Leben, dass man etwas tut, was man sich selbst nie zugetraut hätte. So geht es manchmal im Leben, dass einem ein anderer etwas zutraut, ja zumutet. Und wer im Vertrauten geht, der wächst über sich hinaus. So kann es gehen.
So kann es gehen, wenn das Vertrauen grenzenlos ist.

Es ging auch. Bis Petrus den Blick nicht mehr ganz und gar auf Jesus gerichtet hielt. Da war’s dann aus mit dem Mut und der Zumutung und dem Zutrauen. Da war’s aus und die blanke Angst brach sich brachial Bahn:

Als er aber den Wind bemerkte, bekam er Furcht, fing an zu ertrinken, schrie und sagte: „Herr, rette mich“! Aber sogleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagt zu ihm: „Kleingläubiger! Wozu hast du gezweifelt?“

So geht es im Leben, wenn man zuviel nach rechts und links schaut; wenn man alle Bedrohungen übergroß wahrnimmt; wenn man sogar von dem weiß, was nicht ist, aber sein könnte… Dann geht nichts mehr voran. Aus Angst.

Wer gerne Fahrrad oder Motorrad fährt, der kennt auch das Körpergefühl dazu: Wenn es rutschig wird und matschig, dann muss man entschlossener werden und nicht zögern. Sonst steckt man im wahrsten Sinne des Wortes fest und versinkt im Schlamm. Wer sein Ziel klar vor Augen hat, der kommt voran.

Petrus dachte nicht darüber nach, als er auf Jesus zuging, sondern traute ihm alles zu. Solange ging es gut. Aber in dem Moment, als er sich nur auf sich selbst verlassen konnte, begann er zu sinken. Denn die Welt ist mitunter wild und man braucht mehr als seine eigene Kraft! Jesus gab sie seinen Jüngern. Immer. Und uns gibt er sie auch.

Feierabend, liebe Gemeinde, ist etwas Schönes. Der Tag ist rum. Es geht nach Hause. Erholung ist in Sicht. Und manchmal – manchmal ist’s noch nicht zuende: Da geschehen jenseits des Alltag die dramatischen Erfahrungen unseres Lebens und Glaubens: „Komm!“, spricht Jesus, „komm; und zweifle nicht.“ Lasst uns also auf IHN schauen.

Amen

P.S. Und wie geht die Geschichte bei Matthäus weiter? Und sie fuhren hinüber und kamen ans Land. Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie aus in das ganze Land ringsum und brachten alle Kranken zu ihm, und sie baten ihn, dass sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gesund. …