10 Jahre Nagelkreuzzentrum Pforzheim

Zehn Jahre voller Ziele und Wirkungen

Drei riesige handgeschmiedete Zimmermannsnägel aus dem Dachgebälk der mittelalterlichen, von deutschen Bombern im November 1940 zerstörten Kathedrale von Coventry, zusammengefügt zu einem Kreuz, dahinter in der Ruine der Apsis die Aufschrift an der Wand „Father Forgive”. Aus dieser Initiative des damaligen Probst Richard Howard vor dem Hintergrund von Römer 3,23 „Alle haben gesündigt….” hat sich ein weltweites ökumenisches Netzwerk von Nagelkreuzzentren entwickelt, das sich zur Aufgabe gemacht hat, für Versöhnung, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu wirken.

Am 23. Februar 2005 erhielt die Stadtkirche Pforzheim in Anerkennung der langjährigen Friedensarbeit der Stadtkirchengemeinde und der Verpflichtung, den Versöhnungsgedanken in die nachwachsende Generation zu tragen, das Nagelkreuz der Kathedrale von Coventry, montiert auf einem der letzten originalen Trümmersteine der Kathedrale und wurde so zusammen mit Huchenfeld zum Nagelkreuzzentrum Pforzheim. Bei der Übergabe im Rahmen der offiziellen Gedenkfeier beim Großkreuz auf dem Hauptfriedhof sagte der damalige Dean der Kathedrale John Petty: „Es gibt keine Versöhnung zwischen Nationen, Ländern, Gesellschaften, Religionen und Generationen, wenn nicht durch die Jugend”. Eingedenk dieser Mahnung hat sich das Nagelkreuzzentrum Pforzheim von Anfang an in vielfältiger Weise um eine Loslösung von der ausschließlichen Pflege des Schmerzes und des Traumas der zerstörten Stadt am Gedenktag um eine Hinwendung zu einer zukunftsorientierten Friedens- und Versöhnungsarbeit bemüht. Was passt zu diesem Auftrag besser, als das Portal der Stadtkirche, in Bronce gestaltet von Ulrich Henn: Rechts unten die brennende Stadt, links oben Lot und seine Töchter (oder Pforzheimer Bürger, die vor dem Feuersturm fliehen) in der Mitte als Portalgriff die im Trauma erstarrte Frau Lot, von der Ulrich Henn sagt: „Man muss diese Frau in ihrer psychischen Erstarrung im Wortsinn “begreifen”. Nur so ist es möglich, das Portal, im übergeordneten Sinn Türen zu öffnen zu neuen Wegen in eine bessere, friedlichere, versöhnte Zukunft.

Neben intensiven Kontakte zu den Nagelkreuzzentren Würzburg und Dresden ist es dies, was das Nagelkreuzzentrum Pforzheim von Beginn an treibt: Wege zu finden in eine friedliche Welt, Versöhnung vor allem auch der Generationen. Vor sechs Jahren schon hat das Nagelkreuzzentrum Pforzheim, Mitglied im kommunalen Arbeitskreis „23. Februar” die Initiative eingebracht, den Pforzheimer Gedenktag für die nachwachsenden Generationen verstehbar, nachvollziehbar und zukunftsorientiert zu gestalten. Augenfälligster Ausfluss dieser Initiative ist das „Pforzheimer Puzzleprojekt”, das, wie seinerzeit in den Printmedien zu lesen war, den Gedenktag aus seiner “„solierung hinterm Berg” herausgeholt hat mitten in die Stadt. Aus dieser Initiative ist eine enge Zusammenarbeit mit Schulen und Gemeindegruppen hervorgegangen. Unvergessen ist der Besuch der Jugendkantorei Pforzheim mit dem Nagelkreuzzentrum in Coventry. Angesichts der Ruine der Kathedrale sagte ein Mädchen: „Aber wir können da doch gar nichts dafür”. Es blieb damals nur zu sagen: „Natürlich könnt ihr nichts dafür! Aber wir alle, Junge und Alte, können etwas dafür, wenn wir uns der Verantwortung nicht bewusst sind, dass es unsere Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass die Zukunft versöhnter und friedlicher wird.“

Vor fünf Jahren erhielt das Nagelkreuzzentrum Pforzheim ein zweites (wenn man Huchenfeld hinzurechnet, ein drittes) Nagelkreuz, einen mobilen Zwilling, ein „Wandernagelkreuz”, das in jährlichem Wechsel am 23. Februar Gemeinden oder Institutionen verliehen wird, um damit, gewissermaßen als „pädagogischem Aufhänger”, in ihren Bereichen für Frieden und Versöhnung zu wirken. Dieses Jahr geht es von der ACG Neulingen in den westlichen Enzkreis zur ACG Keltern. Viel ist in diesen Tagen geredet und geschrieben, argumentiert und polemisiert worden über die „Pflicht zu stillem Gedenken” einerseits und die „Pflicht, 70 Jahre Frieden zu feiern und zu würdigen”. Beides hat seine Berechtigung. Anlässlich des Gedenktages der Befreiung der Überlebenden des KZ Auschwitz sagte eine Zeitzeugin: „Gedenken ist nicht genug, wir müssen etwas für Frieden und Zukunft tun”. So ist es für das Nagelkreuzzentrum Pforzheim eine besondere Freude, dass dieses Jahr im August erstmals eine junge Pforzheimer Delegierte (sie war seinerzeit schon überaus engagiert bei der Fahrt der Jugendkantorei nach Coventry dabei) zur „Internationalen Jugendkonferenz” in Erfurt entsandt werden kann, die von der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland und der CCN (Community of Cross of Nails) ausgerichtet und verantwortet wird. Und als Sahnehäubchen auf das Jubiläumsjahr „Zehn Jahre Nagelkreuzzentrum Pforzheim“ findet im Oktober 2015 der Bundeskongress der Nagelkreuzgemeinschaft in Pforzheim im Hohenwart-Zentrum statt.

Roland Ganninger